Kola-Halbinsel

1. Region Kandalaksha
Von Kem aus fuhren wir zurück zur M18 und bogen Richtung Norden ab. Zunächst kamen wir wieder an der Garnisonsstadt, die umgeben von verfallenden Baracken und Fliegerhorsten war, vorbei und machten einen Stop an einem Suchoi Jagdflugzeug, das auf einem Parkplatz zwischen Wohnblöcken aufgestellt war (auch bei Google Maps zu sehen). Schräger Ort! Weil es, wie gesagt, wegen der nördlichen Breite richtig lange hell blieb (und nachts auch nicht richtig dunkel wurde), fuhren wir noch ca. 100km, bevor wir irgendwo in einem Nest ein Hotel fanden, in der wir ein Essen und ein Feierabendbier bekommen konnten. In einer „Hotelbar“, die mehr an einen Späti erinnerte, fanden wir das Gesuchte, dazu noch eine größere Gruppe Finnen, die mit Enduros und einem Begleitbus auf den ganz kleinen Straßen unterwegs waren. Nachdem wir ausreichend gestärkt waren bogen wir dann ein paar Kilometer später in eine Seitenstraße ab und schlugen unser Zelt auf dem extrem luftigen Waldboden auf. 

Am Polarkreis!

II. Über den Polarkreis
Auch am nächsten Morgen herrschte wieder Bombenwetter, heute wollten wir möglichst bis nach Murmansk (380km) kommen, hatten aber einige Ziele auf der Liste, die abseits der Piste lagen. Wir wollten uns kurz die Hafenstadt Kandalaksha am äußersten Zipfel des Weissen Meeres und die Bergbaustadt Apatity ansehen und dann auf Dirt Roads im Norden eine Loop durch die Apatity Mountains zurück zur M18 machen. Die Route hatten wir schon vor einem Jahr „gefunden“, als wir uns die Gegend bei Google Maps angesehen haben.

Vom Fahren her war das sicher der schönste Tag in Russland, denn die Landschaft änderte sich langsam von „dichter Wald“ in „sub-arktisches Gestrüpp“ und die M18 wurde ein bißchen hügeliger und kurviger. Erstes Highlight des Tages war aber die Überquerung des Polarkreises (für mich erst das zweite Mal überhaupt), also der imaginären Linie (66° 33′ 44″ Nord bzw. Süd), auf der die Sonne an den Tagen der Sonnenwende (21.6./21.12.) gerade nicht mehr unter- bzw. aufgeht.

Auf die Gegend noch weiter nördlich, also die Kola-Halbinsel, hatten wir uns besonders gefreut, weil die bei unseren Recherchen immer am abenteuerlichsten und ungewöhnlichsten klang. Kurioserweise wurde dieser Tag, also der erste nördlich des Polarkreises, der heißeste Tag der ganzen Reise.

III. Kandalaksha
Kandalaksha ist eine recht junge Industrie-/Hafenstadt, die erst Anfang des 20. Jahrhunderts ausgebaut wurde, mit Aluminiumhütten und Fischfabriken. Eigentliche Sehenwürdigkeiten gibt es nicht. Aber wieder einmal wehte noch der spürbare Wind der Sowjetunion, was ja einer der Gründe für uns war, in diese Ecke der Welt zu fahren. Wir cruisten ein bißchen durch die Stadt und machten dann bei einer Markthalle Station. Ich kann gar nicht so richtig beschreiben warum, aber uns hat es da sehr gut gefallen, dem Treiben in der Stadt zuzuschauen. Selbstverständlich mußten die üblichen Bilder in der Markthalle und von den Omis, die draußen Blumen und Gemüse feilboten, gemacht werden.

Am Ortseingang von Apatity

IV. Apatity

Von Kandalaksha fuhren wir die ca. 110km bis nach Apatity. Dieser Teil war landschaftlich so ziemlich der schönste auf dem russischen Teil der Reise. Denn mittlerweile war die Landschaft schon deutlich arktischer geprägt mit typischer Taiga-Vegetation, fast die ganze Zeit ging es an Seen entlang oder über Flüsse, in denen Fliegenfischer standen. Der Süden der Kola-Halbinsel ist bei russischen Touristen sehr beliebt für alle möglichen Outdoor-Aktivitäten. Schon früh waren von der M18 aus die während der letzten Eiszeit abgeschliffenen Bergrücken der Apatity Mountains zu sehen. Trotz der Lage oberhalb des Polarkreises hatten wir hier Anfang August deutlich über 30 Grad. Obwohl wir uns für diesen Tag eine Menge vorgenommen hatten, trödelten wir ziemlich beim Fahren, machten unzählige Stopps um die Landschaft zu bewundern. Schon von Beginn der Reise an waren wir eigentlich kaum einen Tag vor 22.00 Uhr am angepeilten Zielort, hier oben verschob sich das nochmal 1-2 Stunden weiter nach hinten, weil es einfach so lange hell war, daß man den Tag noch mehr ausnutzen konnte.

In krassem Gegensatz zu der wunderschönen Landschaft steht dann das Erscheinungsbild von Apatity, die unmittelbar vor den gleichnamigen Bergen liegt. Die Industriestadt mit heute rund 60.000 Einwohnern wurde erst 1939 gegründet, als eine Expedition große Vorkommen des (namensgebenden) Minerals Apatit in der Gegend fand. Und wie damals üblich, wurde dann gleich mehrere wirklich gigantische Industriekomplexe in die arktische Landschaft gesetzt, die dieses Mineral in großen Schmelzöfen zur Gewinnung von Phosphor (und damit für die Düngemittelproduktion) einsetzen. Selten hat auf mich eine Stadt so „deplaziert“ gewirkt wie diese hier, wobei es im russischen Norden wirklich viele Städte dieser Art gibt. Man hat eben da gebaut, wo es was zu tun gab. Aber wirklich Mühe gegeben hat man sich in Bezug auf Ästhetik nicht. :-) Fast die komplette Stadt besteht aus eher schäbigen Wohnblöcken, die aber bei näherem Hinsehen nicht aus Beton, sondern aus grauen Ziegelsteinen gebaut sind. Etwas außerhalb der Stadt liegen die 3 Kombinate ANOF I, II und III, von denen 2 noch in Betrieb sind (siehe Google Earth). Alle drei sind noch mit CCCP-Wappen und heroischen Darstellungen der „Arbeiter der Faust“ ausgeschildert.

Die Komplexe sind fast so groß wie die ganze Stadt und man kann ohne weitere zwischen den gigantischen Anlagen herumfahren, ohne daß es irgendjemand stört. Bizarrerweise sieht man zwar die rauchenden Schlote und hört die Anlagen dröhnen, aber man sieht so gut wie keine Menschen in diesem Areal. Wer also auf (leicht marode wirkende) Schwerindustrie steht, für den ist Apatity ein lohnendes Ziel.

V. Kirowsk und Endspurt nach Murmansk

Am Ortseingang von Kirowsk

Nur ein paar Kilometer von Apatity entfernt liegt in einem Tal der Apatity Mountains die Stadt Kirowsk. Auch diese Stadt wurde in den 30er Jahren angelegt und auch hier wird in ganz großem Stil Apatit und Nephilin abgebaut. Und zwar erfolgt der Abbau dergestalt, daß man einfach Stück für Stück mehrere Berge abträgt. In welchem Ausmaß hier Bergbau betrieben wird, kann man wiederum sehr gut bei Google Earth sehen. Durch die malerische Lage der Stadt am Hang wirken die großen Wohnkasernen nochmal bizarrer (oder wie in einem französischen Retorten-Skigebiet). Leider kam man in Kirowsk nicht in die Bergbaugebiete hinein, wir hatten uns schon darauf gefreut, mit unseren Enduros die Schotterrampen für die Minenfahrzeuge hochzufahren und die Aussicht von oben zu genießen.

Von Kirowsk wollten wir durch das Tal, das die beiden Gebirgsstöcke der Apatity Mountains trennt, nach Norden fahren und dann die Loop Richtung Westen zurück zur M18 fahren. Die ungeteerte Straße durch die Taiga Richtung Revda war auf den ersten 40km auch ziemlich gut, aber nach einem winzigen Nest am Südufer des Sees, an dessen Ostufer wir entlangfahren wollten, wurde die Piste schlagartig extrem schlecht, sie bestand nur noch aus Senken, Spurrillen und großen Steinbrocken. Schon von weitem sahen wir drei Geländewagen, die sich mit weniger als 10km/h über die Piste schaukelten. Obwohl die Piste fast ganz trocken war, kamen mir sofort Erinnerungen an die Katastrophenpiste bei Medvezhegorsk, die uns ja fast 3 Tage gekostet hatte. Erfahrung macht klug und ich meldete sofort Zweifel an, ob es eine gute Idee sei, auf dieser Piste 80km zu fahren und netterweise lenkte Götz sofort ein. Also cruisten wir ganz gemütlich zurück nach Apatity und zur M18.

Bergbau in Kirowsk, Big Time

Auf den letzten 180km bis Murmansk passierten wir zwei weitere große Retortenstädte mit wirklich beeindruckender Umweltzerstörung dumherum, Monchegorsk (Nickel und Kupfer-Tagebau) und Olenegorsk (Eisenerz-Tagebau), hatten aber für heute genug Schwerindustrie und Plattenbauten gesehen, daher gibt´s von diesen Städten keine Fotos. Wer mag, kann sie sich von der Schönheit dieser nordrussischen Perlen bei Wikipedia überzeugen.

Kurz nach 23.00 Uhr kam wir dann in Murmansk an. 1.420km M18 ab Sankt Petersburg lagen hinter uns, tatsächlich sind wir aber rund 2.700km ab Sankt Petersburg gefahren, um bis hierher zu gelangen. Direkt am Ortseingang kehrten wir in einer freundlich aussehende Schaschlik-Bude ein, wo wir aber (nach unserer Überzeugung) übel über´s Ohr gehauen wurden, aber egal, das Essen war gut und das Bier in der Mitternachtssonne schmeckte. In Murmansk gab es ausnahmsweise mal einige Hotels zur Auswahl, aber auch hier war es schwierig, ein Zimmer zu finden, entweder waren sie voll, man wollte keine Motorradfahrer oder sie waren irrsinnig teuer. Letztlich landeten wir für – wie immer – 70 EUR in einem vernünftigen „Wellness-“ Hotel, das eine Mischung aus Hotel, Spa, Gesundheitszentrum und möglicherweise auch Puff war, man weiß es nicht. Oben in Murmansk wurde es nachts gar nicht mehr dunkel, allenfalls so wie an einem Berliner Sommerabend gegen 21.30 Uhr, deswegen waren wir auch (nach ausgiebiger Internetnutzung via Smartphone zur Unterhaltung und Recherche der weiteren Route) erst um 3.00 Uhr im Bett.

VII. Murmansk

Hafen von Murmansk

Murmansk wurde erst im Ersten Weltkrieg 1916 als Endpunkt der Murmanbahn gegründet, um über seinen eisfreien Hafen das Zarenreich ganzjährig mit Rüstungslieferungen seiner westlichen Alliierten versorgen zu können. In der Zeit der Sowjetunion wurden von hier im Sommer die arktischen Siedlungen in Sibirien über den Seeweg und die Flüsse versorgt. Während des Zweiten Weltkriegs war Murmansk das Ziel mehrerer Angriffsoperationen der Wehrmacht. Sie wurden teilweise gemeinsam mit finnischen Truppen durchgeführt. Ab Frühsommer 1941 versuchten die Deutschen im „Unternehmen Silberfuchs“, Murmansk mit seinem Hafen zu erobern. Damit sollte die Sowjetunion von der Verbindung zur Barentssee und somit von den Nordmeergeleitzügen abgeschnitten werden. Murmansk wurde massiv bombardiert, nur Stalingrad wurde noch stärker von der deutschen Luftwaffe bombardiert.

Heute leben rund 300.000 Menschen in Murmansk, die Stadt war bis 1992 abgesperrt und ist nach wie vor der Hafen der russischen Eisbrecherflotte, der militärische Teil der Nordmeerflotte liegt im wenige Kilometer nördlich gelegenen Hafen Seweromorsk, das auch heute noch Sperrgebiet ist. Außer der schönen Lage am Murmanskfjord gibt es nicht wirklich viele Sehenswürdigkeiten, also schauten wir uns den riesigen Hafen an, sofern wir nah genug rankamen. Natürlich stand auch das auf einem prominenten Hügel gelegene Denkmal für die „Verteidiger der Arktis“, das die Murmansker „Aljoscha“ nennen, auf dem Programm, von dort oben aus hat man einen klasse Ausblick auf die ganze Stadt.

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