Zentral-Norwegen

I. Oldedalen

Von Runde fuhren wir am späten Nachmittag „noch eben schnell“ ins Oldedalen, da mir die Gegend und der Campingplatz dort (Gryta Camping) von meiner Reise 2010 noch in bester Erinnerung geblieben waren. Diese Fahrt von ca. 2h bewies wieder einmal den Abwechslungsreichtum von Norwegen: Eben noch auf den Klippen einer waldlosen Insel, dann an verschiedenen kleineren Fjorden, ein kurzes Stück über ein Fjell mit Serpentinen und dann ins Oldendal mit seinem türkisfarbenen See und den Eisfeldern auf 3 Seiten. Am Ende des Oldedalen liegt der Briksdalsbreen, den hatte ich aber 2010 schon besucht, daher schenkten wir uns diesen einen Gletscher.

II. Jostedalen, Nigardsbreen

Aber der nächste Tag sollte natürlich nicht gletscherfrei bleiben. Nach dem Abbau bei Gryta umkurvten wir über eine Strecke von ca. 190km gewissermaßen das riesige Jostedalsbreen-Eisfeld, um von Süden her ins Jostedalen einzubiegen. An dem Fluß, der durchs Jostedalen fließt, konnten wir ein seltsames Naturphänomen beobachten: Weil der Fluss direkt vom Gletscher gespeist wird, bildet sich in der ansonsten warmen Umgebung ein Nebelschleier über fast die gesamte Länge des Flusses, aber eben nur über dem Fluss. Es sah aus wie in einem billigen Horror-Film. ;-)

Nigardsbreen, Jostedalen

Da wir mal wieder ein bißchen spät dran waren, nahmen wir auf dem Hinweg zum Gletscher Nigardsbreen ein kleines Boot. Hier war es genau andersrum als am Engenbreen: Bei der Annäherung war es grau und kühl, kaum waren wir am Gletscher angekommen, kam die Sonne raus, was für das Farbenspiel des Eises natürlich deutlich schöner ist. Für diejenigen unter den Lesern, die sich fragen, warum das Eis an manchen Stellen so tief blau schimmert: Das liegt am Alter des Eises bzw. dem Druck. Oben auf dem Eisfeld fällt mit der immer mehr Schnee auf den Gletscher, der ältere, untere Schnee wird komprimiert und wird zu Eis. Und komprimiertes Eis filtert dann bestimmte Wellenlängen des Lichts heraus wie bei einem Prisma. Et voilá: Es leuchtet blau! (Insider!). Der Nigardsbreen ist m.E. noch beeindruckender als der Engenbreen im Norden (s. letzte Seite), weil man direkt an das Gletschertor und den wirklich spektakulär reißenden Fluss herankommt und er landschaftlich auch schöner liegt. 

III. Wild Campen am Sognefjell

Für den nächsten Morgen stand die Fahrt über die berühmte Sognefjell-Straße an, in dieser Gegend waren die Unterkünfte ziemlich dünn gesäht. Also suchten wir uns kurz vor dem Beginn des Sognefjells an einer gut ausgebauten Seitenstraße einen Spot zum Wildcampen. Auf diese Idee waren aber schon ein paar andere gekommen, jede größere plane Fläche war schon mit einem Zelt oder Campingbus besetzt, als wir rauffuhren. In Norwegen gilt, wie überall in Skandinavien, das „Jedermannsrecht“. Das bedeutet, daß Camping überall erlaubt ist, solange man nicht näher als 150m am nächsten Haus ist, es explizit an dieser Stelle verboten ist oder man sich auf privatem Grund befindet. Aber fast ganz oben auf dem Berg fanden wir noch eine wunderbare Stelle für uns Zelt und das Auto. Klapptisch raus, Feierabendbier, kochen und in der Abenddämmerung die wunderbare Aussicht genießen, perfekt!

Simone fand dann noch bei den Felsen neben unserem Zelt eine Tupper-Dose, die offenbar ein Geo-Cacher dort versteckt hatte. Ganz ohne GPS gefunden, auch kurios.

IV. Sognefjell-Straße

Beim morgendlichen Kaffee war es noch ein bißchen frisch und wolkig, aber sobald wir uns auf den Weg machten, war es wieder eitel Sonnenschein. Da wir heute ausnahmsweise mal keine große Strecke vor uns hatten, ließen wir uns Zeit und fuhren mal diese, mal jene kleine dirt road und fanden unter anderem einen türkisfarbenen Stausee versteckt hinter ein paar Hügeln. Ich wußte ja schon vorher, daß Norwegen 100% seines Strombedarfs aus Wasserkraft erzeugt, nur sah man nie irgendwelche Stauseen (Das Erdöl aus der Nordsee verkaufen die Norweger und packen das Geld, vereinfacht gesagt, in einen gigantischen Staatsfonds, mit dem allerlei nette Sachen wie Bildung und Krankenversicherung finanziert werden).

Das Sognefjell ist wahrscheinlich das bekannteste Fjell in Norwegen, vor allem weil dort oben, im südlch der Straße gelegenen Jotunheimen („Heim des Riesen Jotun“) die höchsten Berge Norwegens stehen. Die ca. 40km auf der Straße sind eine einzige Augenweide, überall sind Gletscher, Berge und Seen (sogar mit kleinen Eisbergen) zu bestaunen.

Anschließend den Schlenker über Lom, dort schnell die Stabkirche besucht, nebenan ein paar erstklassige „Kanelsnur“ (Zimtschnecken) verdrückt und weiter Richtung Jotunheimen. Auf dem Weg nach Maurvangen/Gjendesheim, dem „Tor zum Jotunheimen“, wurde die Landschaft auf einmal sehr nordamerikanisch, man kam sich vor wie in einem Western, der in Montana oder Wyoming spielt. Zum Abrunden standen auch ein paar Kühe neben einer Holzbrücke rum. :-)

In Maurvangen sind wir der Einfachheit halber auf den größten Campingplatz direkt gegenüber vom Eingang zum Nationalpark gefahren. Auf dem für Zelte vorgesehenen Platz waren so gut wie alle Plätze belegt, nur direkt am Ufer des wirklich wunderschönen Flusses gab es noch einen Spot, der groß genug für unser Zelt war. Und keine Nachbarn! Zwar war es dort etwas windig, aber das „Western-Feeling“ der schönen Lage war uns diese (zeitweise) Unannehmlichkeit und die Tatsache, daß wir vom alles vom Auto zum Ufer tragen mußten, wert.

V. Besseggen-Grat, Jotunheimen Nationalpark

Besseggen-Grat

Für den drittletzten Tag unserer Reise hatten wir die berühmteste Route Norwegens auf dem Programm, die Wanderung über den Besseggen-Grat. Etwa 30.000 Menschen laufen diese Strecke im Jahr. Die Tour ist ca. 14km lang und dauert ca. 5-6h, es geht insgesamt knapp 1.100 Höhenmeter bergauf. Der erste Teil ist aber ganz entspannt, man fährt mit dem Boot zum anderen Ende des Gjende-Sees zur Memurubu-Hütte auf ca. 950m Höhe und marschiert los (am besten, nachdem man ein paar Minuten gewartet hat, denn die meisten rennen vom Anleger los als gäbe es kein Morgen). Zunächst geht es recht harmlos auf einem gut ausgebauten Weg bergan, dann läuft man auf einem felsigen Pfad. Hier dünnte sich die Meute der Wanderer schon aus, die Familien mit kleinen Kindern überholten wir schnell. Aber so richtig einsam ist der Besseggen natürlich nie. Netterweise wechseln auf diesem ersten Abschnitt steile Anstiege und moderate Passagen ab, so daß man den Blick auf den Gjende-See und die Gipfel des Jotunheimen werfen kann.

Der Kletter-Teil des Besseggen

Langsam wurde die weitere Route (vermeintlich) erkennbar, wir liefen immerhin schon auf einem Bergrücken. Nach ca. 2h erreichten wir einen ersten, kleineren Gipfel mit ca. 1.500m Höhe, von da aus ging es erst einmal wieder leicht hinab. Ab hier konnte man auch die namensgebende „Schlüsselstelle“ der Besseggen-Wanderung sehen: Den schmalen Grat, der den (links im Bild gelegenen) blauen Bessvatnet vom smaragdfarbenen Gjende-See (rechts) trennt. Es wirkt so, als lägen die beiden Seen ganz dicht beieinander, tatsächlich trennen sie aber rund 400 Höhenmeter.

Direkt dahinter verläuft der Grat weiter hinauf bis zum höchsten Punkt der Tour, dem 1.7143m hohen Veslefjellet. Und dieser Teil hatte es wirklich in sich! Vom ersten „Zwischengipfel“ aus sieht diese Passage nach einem normalen, wenn auch recht steilen Hang aus, kein Problem. Beim Annähern erkennt man aber, daß es gar keinen „normalen“ Weg mehr gibt, sondern nur noch einen ziemlich steilen Felshang. Mir macht sowas ja Spaß, aber für Leute, die nicht ganz schwindelfrei oder trittsicher sind, ist das schon eine Herausforderung. An vielen Stellen muss man richtig mit Händen und Füßen klettern und es geht an beiden Seiten des Grates ziemlich steil und ziemlich weit runter. Auf diese Weise sind ca. 150 Höhenmeter zu überbrücken, dann flacht es wieder ab.

Auf dem kurze restlichen Stück bis zum Gipfel Veslefjellet gibt es dann keinen Grat mehr, sondern eine breite Ebene aus Geröll (eben „Fjellet“). Auf diesem Stück überholte uns zum wiederholten Male eine Dame um die 60, deren linkes Bein über dem Knie amputiert war und in einer Hightech-Prothese steckte, was man wegen ihrer kurzen Wanderhosen ohne weiteres erkennen konnte. An den wirklich steilen Stellen ließ sie sich von ihrem Hund mit einer Art Geschirr zur Unterstützung bergauf ziehen. Diese Dame war dermaßen zäh und schnell, wir waren beeindruckt. Der Abstieg bis zum Parkplatz in Gjendesheim nahm dann nochmal ca. 2h in Anspruch, auch hier waren überraschenderweise ein paar wirklich haarige Stellen dabei. Die Tour ist wirklich uneingeschränkt zu empfehlen, für uns war sie der krönende Abschluß dieser grandiosen Reise!

VI. Auf dem Weg in den Süden

Am nächsten Morgen ging es dann endgültig Richtung Süden und Berlin. Wir fuhren über Geilo Richtung Westküste, um auf diese Weise den riesigen Hardangervidda Nationalpark zu umfahren, der mitten in Norwegen liegt und straßenlos ist. Hier fanden wir auf einem Fjell endlich ein Rentier! Überall sieht man die Schilder für Rentiere (im Norden) oder Elche (im Süden), aber NIE läßt sich einer der Kameraden blicken. Oben am Nordkapp (2013) sah man die an jeder zweiten Ecke im Dutzend rumstehen. Das einzelne Rentier war auch nicht sonderlich „wild“, denn es war angeleint und gehörte zu einem Souvenirshop. Aber immerhin! Hinter Eidfjord fanden wir eine günstige Hütte in einem wolkenverhangenen Fjord, wo zum Abschluß nochmal gegrillt wurde.

Am letzten Tag galt es einfach nur heil nach Kristiansand zur Fähre zu kommen. Hat nicht ganz geklappt….Irgendwo auf der Landstraße 9, die ziemlich genau von Norden nach Süden Richtung Kristiansand führt, wurde die Lenkung auf einmal komisch. Ein platter Reifen! Ein Glück war Simones Auto vom Vorbesitzer top gepflegt und die Spezialnüsse für den Ersatzreifen in einer extra Tasche im Rad aufbewahrt worden. Ansonsten hätten wir alt ausgesehen, da in der Einöde. Die Gegend südlich der Hardangervidda bis zur Küste ist nämlich ziemlich spärlich besiedelt, dazu ist dort kaum Verkehr. Der Tag war an sich landschaftlich ganz schön, man kommt an ein paar Skigebieten vorbei, aber irgendwie beeindruckte uns das nicht mehr so, anscheinend war der Erinnerungsspeicher für grandiose Landschaften irgendwo auf dem Besseggen vollgelaufen.

Ganz kurz vor Kristiansand suchten wir uns auf einem Campingplatz eine Hütte, damit wir am nächsten Morgen um 5.00 Uhr ja nichts einpacken mußten, bevor wir zur Fähre fuhren. Die Fähre ging um 6.45 Uhr, von der 2h15min langen Überfahrt über das Skagerrak sahen wir diesmal ein bißchen mehr als auf der Hinfahrt. Anschließend wieder durch´s immer noch langweilige Dänemark und ohne Stau nach Berlin, wo wir pünktlich zum Abendessen im Restaurant mit Peters und meinen Eltern und Lynda ankamen.

Und immer noch Weltmeister! :-)

Résumé:

Das war mein dritter Besuch in Norwegen und ich bleibe dabei: Für mich ist Norwegen das schönste Land in Europa! Wenn man nur eine kleine Vorliebe für raue, nordische, gebirgige Landschaften hat, dann gibt´s meines Erachtens nix besseres in der näheren Umgebung. Wenn man mit dem Auto durch die Gegend fährt, gibt es so gut wie keinen Leerlauf. Die Landschaft ist entweder spektakulär (z.B. Lofoten, Gegend vor Narvik, Sognefjell, Besseggen, Trollstigen), spektakulär schön (Lofoten, Geiranger, Dovrefjell), „lieblich“ schön (Runde, Teile der Lofoten) oder bizarr schön (Engenbreen, Jostedalen). Hinter jeder zweiten Kurve erwartet einen etwas Neues, manchmal ändert sich die Landschaft innerhalb von 10 Minuten komplett, wenn man von einem Fjord von Meereshöhe auf einer Straße 500 Höhenmeter auf ein Fjell fährt. Ich kann von meinen 3 Reisen nach Norwegen genau 3 relativ langweilige Ecken nennen: Die Gegend östlich von Stavanger, die Gegend an der nördlichen Peripherie von Oslo und die um Trondheim herum. Ansonsten so gut wie alles „Bilderbuch“.

Dazu ist Norwegen total „zivilisiert“, es gibt überall Einkaufsmöglichkeiten, Unterkünfte, Tankstellen. Die Norweger sind ein freundliches Volk, so ziemlich jeder spricht fließend Englisch oder Deutsch. Die Straßen sind ganz überwiegend ziemlich gut, alles ist ordentlich ausgeschildert. Das alles macht das Reisen in Norwegen sehr, sehr einfach und entspannt. Ein kleiner Dämpfer sind natürlich die teilweise exorbitanten Kosten für Benzin, Lebensmittel, Restaurants, aber einiges kann man sich doch leisten oder eben mit etwas Planung und eigenem Auto vorher besorgen.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.