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Größenwahn deluxe: Der Parlamentspalast in Bukarest

WAS! FÜR! EIN! KLOPPER! 
Ich gebe es zu: Irgendwie mag ich maßlose Architektur. Je größer, höher, ungewöhnlicher ein Gebäude ist, desto mehr interessiert es mich. Daher stand beim Besuch von Bukarest im September 2015 der berühmt-berüchtigte Parlamentspalast ganz oben auf meiner Liste der Must-Sees. Bereits bei der Annäherung zu Fuß überkommt einen Ehrfurcht angesichts dieses Monuments des Größenwahns. Isoliert vom Rest des Zentrums thront der Parlamentspalast (rum.: Palatul Parlamentului) auf einem eigens angelegten Hügel in Bukarest. Von der Struktur her insgesamt zunächst recht einfach angelegt, machen die weit ausladenden Flügel des Palasts doch ganz schön Eindruck, vor allem, wenn man sich irgendein Detail wie ein Auto in der Auffahrt o.ä. als Maßstab nimmt.

Marmor overload in einem der „Flure“.

I. Beeindruckende Fakten:

Der Parlamentspalast ist (nach dem Pentagon in Washington und vor dem Flughafen Tempelhof in Berlin) das zweitgrößte Gebäude der Welt (und damit auch auf Platz 1 in Europa). Die Länge beträgt 275m, die Breite 235m, es ist 86m hoch, hat 10-12 Etagen, die verbaute Fläche beträgt rund 360.000 qm, es gibt rund 5.100 Zimmer, Hallen, Kammern und Flure. Von den 30 Konferenzsälen mißt der größte rund 2.200 qm und ist 16m hoch.

Einer der kleineren Konferenzsäle

II. Warum das alles? Und wie?

Inspiriert zu diesem klaren Fall von Gigantomanie wurde der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu in den 1970ern bei seinen Staatsbesuchen in China und Nord-Korea. Zunächst einmal mußte aber Platz geschaffen werden im Zentrum von Bukarest. Da wurde in einer ordentlichen Diktatur nicht lange gefackelt und kurzerhand ein ganzes Stadtviertel mit rund 40.000 Wohnungen, 12 Kirchen und 3 Synagogen eingeebnet, schließlich mußte auch eine neue zentrale Achse der Hauptstadt auf den Palast hinführen, den der Diktator als „unsere Akropolis“ verstanden wissen wollte. Los ging es im Jahr 1983, für die nächste 6 Jahre waren 20.000 Arbeiter im Drei-Schichten-Betrieb rund um die Uhr mit dem Bau beschäftigt, angeleitet von 400 Architekten, deren Chefin die bei Baubeginn erst 26 Jahre alte Anca Petrescu war, die direkt nach ihrem Uni-Abschluß den Wettbewerb für den Palast gewonnen hatte….

Der bescheidene Eingangsbereich

III. Was hat der Wahnsinn gekostet?

Eine der Vorgaben Ceausescus war es, daß möglichst alle Baumaterialien aus Rumänien selbst stammen mußten, so wurden Unmengen an Nussbaum, Kirschbaum, Teppichen, Kristall und die gesamte Marmorproduktion von 10 Jahren (1 Million Kubikmeter) aus Siebenbürgen verbaut. Die Kosten des Parlamentspalasts sind schwer zu beziffern, fest steht aber, daß sie das damals bettelarme Rumänien schwer belasteten. Man schätzt die Kosten auf insgesamt rund 3,3 Milliarden Euro, was umgerechnet rund 40% des damaligen jährlichen Bruttoinlandsprodukts des sozialistischen Rumäniens betrug.

Der größte Saal im Palast, 2.200qm groß und 16m hoch.

IV. Und? Wie fand Ceausescu seinen Kitschpalast?

Der Bauherr hat den Palast nie in seiner heutigen Form gesehen, denn im Dezember 1989 wurde er nach kurzer aber heftiger Revolution hingerichtet. Zu diesem Zeitpunkt war der Parlamentspalast noch nicht fertiggestellt, in den kommenden zwei Jahren wurde in Rumänien heftig diskutiert, was man mit dem Monstrum anstellen sollte, viel Bürger sprachen sich für einen Abriss aus. 1991 entschied das Parlament, daß man den Palast fertigstellen sollte, hierbei wurden vernünftigerweise erhebliche Abstriche in Bezug auf die vorher übliche Protzausstattung gemacht.

Versorgungsleitungen und Ausstellung in einem der 8 Untergeschosse des Palasts

Heute ist der Palast tatsächlich Sitz der beiden Parlamentskammern, außerdem ist dort ein Museum untergebracht und gelegentlich werden die Säle für Kongresse genutzt, u.a. fand dort im Jahr 2008 ein NATO-Gipfel statt. Diese Institutionen und Veranstaltungen nutzen aber nur einen sehr kleinen Teil des gesamten Gebäudes. Zu dem riesigen Balkon vor dem größten Saal gibt es eine lustige Anekdote: 1992 gastierte Michael Jackson in der Stadt und begrüßte vom Balkon die jubelnden Massen mit den Worten „HELLO, BUDAPEST!!!“ (Der gleiche Fehler ist aber auch schon Iron Maiden, Lenny Kravitz, Metallica und Ozzy Osbourne unterlaufen).

Bedeutungsloser Zwischenflur

V. Okay, überzeugt! Den will ich auch ansehen! Wie geht das?

Den Palast besichtigen kann man nur im Rahmen einer offiziellen Tour. Dein Ticket solltest Du unbedingt vorreservieren, da die Touren ziemlich gut ausgelastet sind, wir haben damals aber auch nur einen Tag im voraus über die offizielle Website des Palasts gebucht. Es gibt verschiedene Touren, mit Kellergeschossen, mit Terrasse etc., wir haben die Standardtour mit Untergrund gemacht, die kostet 40 RON, also ca. 9,00 EUR. Die Touren dauern ca. 80min und werden auf Englisch geführt. Unbedingt den Personalausweis oder Reisepass mitnehmen, ansonsten läßt man dich nicht ins Gebäude.

Die Terrasse taugt definitiv für ne zünftige Grillparty unter Kollegen

Zu Beginn der Tour gibt es eine kleine Einführung in die Geschichte, während man die in grün und grau gehaltene Eingangshalle bestaunen darf. Dann geht es erst einmal runter in die Katakomben des Palasts, die sich über immerhin 8 Stockwerke nach unten erstrecken. Es gibt sogar unterirdische Zufahrtsstraßen zum Palast, die dem geneigten Leser vielleicht aus einem der Road Trips der Herren von Top Gear noch in Erinnerung sind (in dem Video wird der Palast auch kurz dargestellt bevor die drei Krach mit ihren Autos in den Tunnels machten). Der Teil der Tour im Keller ist mittelspannend.

Ein weiterer der 30 Konferenzsäle

Nachdem man wieder auf Tageslicht-Level zurückgekehrt ist, entfaltet der Palast seine obskure Pracht. Grob einordnen läßt sich der Architekturstil als Neoklassizismus, die Archtikturhistoriker sind sich aber einig, daß das Gebäude keinem anderen auf der Welt gleicht, zu unterschiedlich sind die einzelnen Gebäudeteile ausgestaltet. Auf unserer Tour wurden wir in fünf oder sechs der rund 30 Konferenzsäle geführt, jeder hatte eine ganz eigene Anmutung. Was aber allen gemein war: Sie waren prunkvoll und die Materialien vom Feinsten. Fein ziselierte Holzverkleidungen an Wänden und Decken, Kristallleuchter von teilweise grotesker Größe, Intarsien, Stuck, Fresken wohin man auch blickte. Und immer wieder weißer Marmor. Ganze Hallen und Treppenaufgänge, alles im selben edlen Stein gehalten, das hätte dem französischen Sonnenkönig sicher auch gut für Versailles gefallen.

Hier wurde mal ein Film gedreht, der im Vatikan spielte. Dafür wurden diese „Fresken“ aufgeklebt.

Das ganze Gebäude hatte irgendwie überhaupt keinen „Ostblock-Charme“, die Architekten hatten sich vielmehr am Geschmack der (verpönten) westeuropäischen Herrscherdynastien orientiert. Aber ein merkwürdig beklemmendes Gefühl verließ mich auf der gesamten Tour nicht: Daß das alles buchstäblich „für die Katz“ war, denn der Palast wirkt wie ausgestorben, jedenfalls der Teil, den wir besichtigten. Von den (angeblich) im Parlamentspalast ansässigen Abgeordneten bekam man auf der Tour rein gar nichts mit. Ich vermute, daß diese im rückseitigen Teil des Palasts untergebracht sind, so blieb der Eindruck, man wandere durch ein mehr oder weniger nutzloses Kitschmuseum. Sofern man mal einen Blick aus einem der nach innen gewandten Fenster erhaschen konnte, wurde schnell klar, daß der Palast zum einen noch gar nicht richtig fertiggestellt zu sein schien, zum anderen auch nicht überall soviel Geld verschwendet wurde, denn man sieht zahlreiche Baugerüste und eher bescheidene Quartiere. 

Blick vom Balkon auf den Bulevardul Unirii (Boulevard der Einheit)

Ich fragte den Tourguide, was denn außer dem NATO-Gipfel sonst noch so an größeren Veranstaltungen im Palast abgehalten würden, worauf er etwas ratlos mit den Schultern zuckte und dann mitteilte, im Frühjahr 2015 habe hier ein Ärztekongress stattgefunden. Andere Großveranstaltungen seit 2008 wollten ihm nicht einfallen.

Just another Marmor-Treppenhaus….

Die Tour hat bei mir eine Mischung aus Bewunderung (ob der Ausmaße), Fassungslosigkeit (ob der Maßlosigkeit und Verschwendung), Ärger (ob der Zerstörung eines historischen Viertels) und Erheiterung (wegen der teilweise sehr kitschigen Ausgestaltung) hinterlassen.

Also, sollte es Euch nach Bukarest verschlagen: Auf jeden Fall den Parlamentspalast besuchen, sowas findet Ihr sonst nirgendwo auf der Welt. Für mich war es ein echtes Erlebnis!

Ich freue mich wie immer über Anregungen, Kritik oder sonstige Kommentare.

Christian

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Das palasteigene Theater. Es gab nie eine Vorstellung….

Marmor overload

 

2 Kommentare

  1. Ich war vor Jahren nur Mal davor, aber drinnen sieht der Klotz mindestens genauso beeindruckend aus :O Danke für den Einblick!

    • Christian sagt

      Hallo Romeo,

      freut mich, daß Dir der Einblick gefallen hat. Das nächste Mal unbedingt rein!

      C.

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