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Patagonien: Torres del Paine Nationalpark

Wer sich für raue Landschaften begeistern kann, der muss irgendwann die Torres del Paine im Süden Chiles besuchen! Diese Berge sind für Patagonien das, was der Mt. Everest für den Himalaya oder der Ayers Rock für Australien ist: Das berühmteste Panorama überhaupt, das auf fast jedem Reiseführer oder Bildband der Region abgebildet ist. Und das vollkommen zu recht, ich kenne wenig schönere Bergpanoramen, wir nannten die Postkarten-Ansicht damals „The Million Dollar View“.

Die Torres del Paine haben ihren Namen aus der Sprache der einheimischen Tehuelche-Indianer, „Paine“ bedeutet soviel wie „himmelblau“, Torres del Paine heißt also soviel wie „Türme des blauen Himmels“. Für mich persönlich heißen sie auch Torres del Pain / „Türme des Schmerzes“, aber dazu später mehr. 

1. Ein paar Fakten zum Torres del Paine N.P., bitte!

Der Nationalpark wurde bereits 1959 gegründet und ist rund 2400km² groß, 1978 wurde er von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt. Der Park ist durchzogen von bis zu 3000m hohen Bergen, Gletschern, Fjorden und der sprichwörtlichen Pampa und ist relativ gut erschlossen, es gibt gute (wenn auch ungeteerte) Straßen und die chilenische Nationalparkverwaltung hat ein großes Netz an Wanderwegen angelegt, deren beliebteste der „Circuito Torres del Paine“ („Paine Runde“) und der sog. „W-Trek“ sind.

Wir konnten den W-Trek aus zeitlichen Gründen leider nicht gehen, die Tour steht aber für den nächsten Trip nach Patagonien definitiv auf der Liste. Wer Infos zu diesem Klassiker sucht, sollte sich den detaillierten Trek-Report auf www.bergzeit.de ansehen, dort findet Ihr alle wichtigen Infos zu An-/Abreise, Höhenprofil, Etappenlängen, Google Map etc..

Das Klima im Park ist – wie überall in Patagonien – ziemlich rau, selbst im Hochsommer hat es meist nur um die 15 Grad, dazu kommt der berühmte patagonische Wind, der wirklich fast immer und überall weht, und zwar heftig. 

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The Million Dollar View auf die Cuernos del Paine, im Vordergrund der Lago Pehoé.

Die Anreise erfolgt für die meisten Reisenden aus der nächstgrößeren Stadt Puerto Natales (Link zu Google Maps), die ca. 140km weiter südlich liegt, die chilenische Hauptstadt Santiago liegt rund 2.000km weiter nördlich. Wir waren seinerzeit mit einem Mietwagen von Norden nach Süden in Patagonien unterwegs, was ich sehr empfehlen kann, die Distanzen in Patagonien sind gigantisch. Man erreicht Puerto Natales aber auch per Flug, per Fähre aus dem Norden oder per Bus, einige Infos zu Transportmöglichkeiten findet Ihr auf der Seite offiziellen Seite des Nationalparks.

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Enjoying The Million Dollar View am Abend mit einer Flasche rotem Chilenen

2. Okay, was kann man da so anstellen?

Ihr ahnt es bereits: Die meisten Leute kommen zum Wandern zu den Torres. Neben den o.g. großen Treks gibt es viele kürzere Pfade für Tageswanderungen, Ihr könnt Bootstouren machen, Kayak fahren, Klettern, Reiten und für Fliegenfischer ist die Gegend ohnehin ein Mekka.

3. Bootstour? Das klingt gut!

Wir, also mein Vater und mein Bruder und ich, haben uns für den ersten Tag für die Bootstour zum Grey Gletscher entschieden, dem größten Gletscher im Park, dessen ca. 30m hohe Eiskante direkt in den gleichnamigen See abbricht.

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Eisberg im Lago Grey

Auf dem See herrschte typisch patagonisches Wetter, es war also extrem windig und daher der Wellengang beeindruckend hoch für ein Binnengewässer. Von der Landschaft sah man auf der rund 1,5stündigen Fahrt nur wenig, weil permanent Wasser an die Scheiben peitscht. Erst wenn der Kapitän das Boot zwei, drei Kilometer vor dem Gletscher verlangsamt, gibt´s wieder freie Sicht. Und zwar auf Unmengen von kleinen und großen Eisbergen, die von der Gletscherkante abbrechen und dann teils monatelang im Lago Grey schwimmen. Ein sehr beeindruckendes Naturschauspiel, denn das Eis der größeren Eisberge ist meist tiefblau (Die Farbe entsteht durch die unterschiedliche Brechung des Lichts infolge der Kompression des Eises im Gletscher).

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Cruisen vor dem Grey Gletscher

Mit dem Boot cruist man dann ca. eine Stunde an der 2km breiten Gletscherfront entlang und hofft natürlich immer, daß der Gletscher „kalbt“ und einen neuen Eisberg ins Rennen schickt. Als besonderen Gag fischt die Crew ein handliches Stück Eis aus dem Wasser, zerhackt es und serviert den Gästen Whisky on the rocks mit ca. 1.000 Jahre alten Eiswürfeln. Bei den fast arktischen Temperaturen auf dem See war das zum Aufwärmen ganz willkommen.

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Ein kleiner Teil des Grey Gletschers

Die Tour dauert insgesamt 4-5 Stunden und kostet rund 80 EUR pro Person. Das ist sicherlich kein Schnäppchen, lohnt sich aber m.E. dennoch, denn so dicht kommt man an so große Gletscher nur selten heran und so spektakuläre Eisberge findet man auch nicht überall.

4. So, jetzt aber mal zu Fuß!

Für die nächsten Tag haben wir uns die Wanderung zum Mirador Torres ausgesucht, also zum Aussichtspunkt (Mirador) auf die 3 eigentlichen Türme. Denn auf der Postkartenansicht oben, der „Million Dollar View“ blickt man strenggenommen auf die Cuernos des Paine, von den drei Torres del Paine sieht man lediglich die Spitzen. Bis zum Mirador sind es vom Hostal Las Torres ziemlich genau 10km one way, hin und zurück dauert die Tour rund 4,5 Stunden, es sind insgesamt 1.190 Höhenmeter zu bewältigen, wobei die meisten auf den letzten, steilen Anstieg entfallen. Details der Wanderung findet Ihr auf dieser Seite.

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Der erste Anstieg zum Valle de Silencio

Zunächst geht es recht gemächlich über Almwiesen ins Valle de Silencio (Tal der Stille) hinein, dann folgt ein längerer Abschnitt im Wald, dann wieder hinunter zum Refugio Chileno, in dem Wanderer und einige Bergsteiger campieren. Einer der Bergsteiger war schwer gestürzt und lag notdürftig medizinisch versorgt und eingehüllt in eine Rettungsdecke im Refugio auf einem Tisch. Mein Vater, selbst Arzt, bot seine Hilfe an, aber man wartete bereits auf einen Hubschrauber, um den Verunglückten auszufliegen.

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Der steile Aufstieg zum Mirador Torres über das Geröllfeld

Nach dem Refugio ging es nochmal kurz in Serpentinen im Wald bergauf, bis wir am Fuß eines gigantischen Geröllfelds ankamen, das ca. 300 Höhenmeter direkt hinauf zum Mirador führt. Der Hang ist richtig steil (s.o.) und besteht nur aus großen Felsbrocken. Es gab keinen richtigen Trampelpfad, jeder Wanderer muss sich seinen Weg selbst suchen und an vielen Stellen die Hände zum Klettern einsetzen. Unserem Vater war das Terrain ein bißchen zu heikel (wie recht er hatte, sollte ich bald erfahren), er beschloß, am Fuß des Geröllfelds in der Sonne sitzen zu bleiben und auf unsere Rückkehr zu warten, wir sollten für ihn oben einfach schöne Bilder machen.

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Die drei Torres del Paine

Nach ungefähr einer Stunde schweißtreibender Kletterei erreichten wir den Mirador, eine kleine Erhöhung am hinteren Rand des Gletschersees (vermutlich früher einmal die Endmoräne des Gletschers) und konnten zum ersten Mal die Torres del Paine in voller Pracht bewundern. Und dieser Anblick ist wirklich SPEKTAKULÄR schön! Wir hatten großes Glück mit dem Wetter, die wenigen Wolken verzogen sich schnell und gaben den Blick auf die Granittürme frei. Der mittlere Turm, der Cerro Paine Grande, ist mit 3050m auch der höchste Berg des Nationalparks. Außerdem gehört er zu den größten Herausforderungen für Bergsteiger, soweit ich das recherchieren konnte, wurde der Paine Grande erst dreimal bestiegen.

5. So, und warum jetzt „Türme des Schmerzes“?

Nach einem ausgiebigen Foto- und Erholungsstopp stiegen Peter und ich den steilen Geröllhang wieder runter. Nach gerade mal 50 Höhenmetern nahm das Unheil seinen Lauf: Ich rutschte auf einer glatten Felsplatte aus. Und was macht man da instinktiv? Yep, sich nach hinten mit den Armen abstützen! Dummerweise war da ein anderer Fels, der meinem Abstützen in die Quere kam, so daß ich mir die rechte Schulter auskugelte. DAS sind Schmerzen, sage ich Euch! Praktischerweise hörten ein paar andere Trekker und Peter mein Geschreie und kamen mir zu Hilfe, ich lag nämlich so doof auf dem losen Arm, daß ich mich nicht umdrehen konnte. 

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Proberunde

Irgendwie mußte ich runter von dem Hang, unten saß ja der Mediziner-Vater, der wußte, wie man eine luxierte Schulter wieder einrenkt. Nur waren das eben 300 Höhenmeter in wirklich unpraktischem Gelände. Mit einer ausgekugelten Schulter gibt es genau eine Position, in der es nicht höllisch schmerzt, mit allerlei Polsterung unter dem Arm und Peters großem Kamera-Einwickel-Tuch als Schlinge konnten wir den Arm einigermaßen stabilisieren. Eingehakt an Peters Rucksack zuckelte ich also den Hang runter, jeder größere Schritt von einem Felsen runter führte zu einem Federn des Arms und damit zu einer lauten Jaul- und Fluchkanonade.

Glück im Unglück: Nach ca. einer Stunde Gänsemarsch kam uns ein junges Paar entgegen, der Mann fragte, was los sei. Er sei Arzt und könne versuchen, meine Schulter wieder einzurenken. Nach einer Inspektion des Gelenks erklärte er mir, was er machen wird, zog und drehte nur leicht am Arm und ZACK! war die Schulter wieder drin. Damit hört der Schmerz sofort auf. Selten war ich einem Menschen so dankbar!

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Und Einrenken

Nach weiteren 1,5 Stunden trafen wir unten auf unseren Vater und taperten besonders vorsichtig die 10km zurück zum Auto. Ein Glück war das am Ende der Reise, denn „einarmig“ schränkt auf Reisen schon sehr ein. In Berlin klärte sich dann, warum die Schulter so leicht einzurenken war: Die Gelenkpfanne war zu einem Drittel abgebrochen. Daher sieht mein dauerhaftes Andenken an Patagonien so aus:

Hier noch eine kleine Google Map, auf der die oben erwähnten Stationen wie „The Million Dollar View“ am Lago Pehoé oder die Wanderung zum Mirador Torres markiert sind. Dank der genialen 3D-Funktion von Google Maps (auf der kleinen Karte hier nicht verfügbar) kann man sich beispielsweise das Panorama am Mirador Torres „vor Ort“ anschauen, was ich jedem Bergfreund nur empfehlen kann. Unser Basislager im Park war Camping Pehoé, die ersten beiden Nächte haben wir gezeltet, für die Nacht nach meinem Unfall haben wir uns eine der einfachen, aber guten Hütten gemietet.

War schonmal jemand von Euch im Torres del Paine Nationalpark? Wie hat es Euch gefallen? Ich freue mich wie immer über Kommentare, konstruktive Kritik und Anregungen.

Cheerio
Christian

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