Baikal-See

Irkutsk, das „Paris Sibiriens“

Am 4. Morgen kamen wir dann nach 5.206km Strecke am Bahnhof Irkutsk Passarschirsky an. Nach den obligatorischen Gruppen-Fotos mit den Schweden und Franken machten wir uns zu Fuß mit den Münchnern auf den Weg in die Stadt auf der anderen Seite der Angara. Schon auf der Brücke begann es zu regnen und als wir das Stadtzentrum erreichten, goß es in Strömen, so daß wir nur wenig Augen für die teilweise sehr schöne Architektur hatten. Wir suchten uns zunächst ein Lokal in der merkwürdig bunten, aber trostlosen Fußgängerzone von Irkutsk. So richtig nach Paris sah das hier nicht aus, aber ich hab schon ein paar Städte gesehen, die sich „Paris des …“ nannten und das hat nie hingehauen…. Dennoch ist Irkutsk einen Besuch wert, es liegt schön am Fluss, hat viele alte Häuser, im Stadtzentrum aus Stein, aber auch viele große Holzhäuser mit reichen Schnitzereien.

Weil es nicht aufhören wollte zu regnen, beschlossen Juliane und ich, die weitere Stadtbesichtigung sein zu lassen und gingen direkt zum kleinen Busbahnhof von Irkutsk, von wo aus der Bus ins 60km entfernte Listvjanka am Baikalsee startete. Fast während der gesamten Fahrt am Angara-Fluss goss es weiter, so daß der erste Blick auf den Baikalsee an der Angara-Mündung etwas trist war.

Ein paar Fakten zum Baikalsee:

Der Baikal von oben. Links untenoberhalb des Sees liegt Irkutsk,  an der Mündung der Angara liegt Listvjanka (Klicken zum Vergrößern)

Der Baikalsee („reicher See“) vereint einige Superlative in sich: Er ist der tiefste See der Welt (1.642m) und gilt mit 25 Mio. Jahren als der älteste See der Welt. Er ist 672km lang und an der breitesten Stelle 82km breit (im Schnitt sind es 48km), was eine Gesamtfläche von 31.722 km² ergibt. Wegen dieser Dimensionen (insb. seiner Tiefe) nimmt man an, etwa ein Fünftel des (flüssigen) Süßwassers der Erde befinde sich im Baikal, ein Fakt, der mir persönlich immer noch unvorstellbar erscheint. Vom Volumen her ist der Baikal größer als die (relativ flache)  Ostsee, der Inhalt des Bodensees paßt 480x in den Baikal. Zum Vergleich: Die Großen Seen in Nordamerika beinhalten das zweite Fünftel des Süßwassers, aber deren Fläche ist ca. 7x so groß wie die des Baikal.  336 Flüsse und unzählige Bäche fließen IN den Baikalsee, aber nur ein einziger Fluß, die Angara, entwässert ihn. Der Baikal ist in der Regel von November bis März zugefroren, die Luft-Temperaturen liegen dann zwischen -20 und -50 Grad. Außerdem ist der Baikal bekannt für sein extrem klares Wasser und seine endemische Fauna und Flora, dort lebt z.B. die einzige Süßwasserrobbe der Erbe, die sehr rundliche Baikalrobbe. Der Baikal steht seit 1996 auf der Weltnaturerbe-Liste der UNESCO. 

Listvjanka am Baikal

Unsere Blockhütte am Baikal

In Listvjanka hatten wir vorab über´s Internet (und dank einer Empfehlung im Lonely Planet) eine Blockhütte fast direkt am See gebucht. Diese Empfehlung erwies sich als Volltreffer. Die Hütte war schön rustikal, bot Blick auf den Baikal, der Chef war nett und sprach gut Englisch und der Frühstücksraum der kleinen Anlage hatte ein Weltklasse-Panorama. Nach dem Einchecken drehten wir eine erste Runde durch Listvjanka. Der kleine Ort ist der einzige am Westufer des Baikal, den man einigermaßen einfach erreichen kann. Alle anderen Orte sind nur per Tragflächenboot erreichbar, die nördliche Stadt Severobaikalsk kann man auch oder über ein paar Tausend Kilometer Bahnstrecke mit der Baikal-Amur-Magistrale (BAM) erreichen. Listvjanka zieht sich ein paar Kilometer am Seeufer entlang und vom Ufer weg in ein paar flache Täler hinein. Obwohl das Städtchen DIE Tourismuszentrale am Baikal ist, wirkte das ganze relativ beschaulich und „unprofessionell“, es gibt nur wenige Restaurants oder Cafés an der Uferstraße, nur ein wenig geschmackvoller Hotelneubau direkt am Hafen fällt etwas aus dem Rahmen. Die wenigen Läden, die die schöne Lage am See ausnutzen, sind fast alles provisorische Bretterbuden mit Plastikstühlen, das Essen beschränkt sich überwiegend auf Omul (ein Fisch des Baikal) und Schaschlik-Spieße.

In Russland gibt es immer noch die Regelung, daß Touristen ihr Visum in einer offiziellen Stelle (meist in einem Hotel) registrieren lassen müssen, wenn sie mehr als 72h an einem Ort bleiben. Da das der Fall war, suchten wir das Hotel „Baikal“ auf dem Hügel auf, einem grauenhaften Betonbunker aus Sowjetzeiten, das früher das „erste Haus am Platze“ gewesen sein muss. Aus irgendeinem Grund wurde die Terrasse mit dem schönen Seeblick mit ohrenbetäubend lautem russischem Techno beschallt, obwohl (oder weil) kein einziger Gast zu sehen war. Insgesamt eine sehr strange Location! Auf dem Rückweg zum „Zentrum“ von Listvjanka trafen wir Miguel und Daniele, die es auch nicht länger im regnerischen Irkutsk ausgehalten hatten und ließen den Abend in der kleinen Hafenbar ausklingen.

2. Tag am Baikal: Bootstour und „Zug durch die Gemeinde“

Am nächsten Morgen zeigte sich der Baikal von seiner schönsten Seite, in strahlendem Sonnenschein. Nach dem Frühstück im Panorama-Raum der Lodge wanderten wir an der Uferstraße entlang und schauten uns die vielen schönen bunten Holzhäuser an, die typisch für diese Gegend sind. Am Hafen machte uns eine junge Russin, die sehr gut Englisch sprach, auf eine gleich startende Bootstour Richtung Norden aufmerksam. Eigentlich ist der Baikal gar nicht so verschieden zu anderen großen Seen, aber irgendwie hatte er etwas magisches für mich, das klare Wasser, die einsamen Wälder am Ufer, die schneebedeckten Gipfel auf der anderen Seite des Sees und die Gewißheit, dass man noch ungefähr 620km weiter nach Norden fahren könnte, bevor man das Ende erreicht (also ungefähr die Strecke Berlin-München). Ich kann es nicht richtig beschreiben, aber der Baikal war definitiv eine der beeindruckendsten Naturschönheiten, die ich bisher gesehen habe.

Nach der Bootstour speisten wir in noblem Ambiente am Seeufer Schaschlik (siehe Fotos…) und spazierten dann zum nördlichen Ende von Listvjanka. Wir wunderten uns über das wilde Kuddelmuddel von Häusern, anscheinend darf hier jeder bauen wie und wo er will, alte Holzhäuser, Wohnbunker, ein großer Pool, verfallende Werkstätten, abgestellte Container, alles kreuz und quer… Der Strand nördlich von Listvjanka ist offenbar bei den Locals oder Ausflüglern aus Irkutsk sehr beliebt für Grillparties, was man an den großen Mengen Unrat sieht, der überall herumliegt. Ein Phänomen, das ich in Russland immer wieder gesehen habe: Umweltschutz/-schonung scheint wenige Leute zu interessieren. 

Abends trafen wir dann den Rest der Zugbekanntschaften, die Franken, die Schweden, die Kanadier und die Schotten waren alle am Baikal eingetrudelt und das mußte natürlich in der Hafenbar gefeiert werden!

3. Tag am Baikal: Die große Wanderung auf der alten TransSib-Trasse

Rechts Listvjanka, links unten das Kap, an dem uns das Boot absetzte. Dazwischen die Bahnstrecke und die Fähre.

Alle hatten große Lust auf eine längere Wanderung am Baikalufer, so daß wir den Plan entwickelten, am nächsten Morgen ein Schiff zu chartern, das uns über die Angara-Mündung fahren würde und dann an dem kleinen „Kap“, das man von Listvjanka aus sehen konnte, absetzen sollte. Früher verlief die TransSib von Irkutsk aus an der Angara und bis zum Seeufer, um dann den unteren Teil des Sees zu „umrunden“ (früher wurden im Winter die Gleise einfach quer über den zugefrorenen See verlegt, um die Strecke abzukürzen). Ein paar Jahrzehnte nach dem Bau der TransSib wurde aber eine Abkürzung von Irkutsk direkt zur Südwestspitze des Sees gebaut. Seither wird die frühere Strecke nur noch von ein paar kleinen Schienenbussen und Touri-Zügen befahren. Das klang für uns nach einer guten und bequemen Wanderstrecke. Die Strecke schätzten wir auf ca. 8km, später sollte sich herausstellen, daß es vom Kap bis zur Fähre über die Angara 19km sein sollten. Schnell hatten wir einen Kapitän gefunden, der uns für einen überschaubaren Preis rüberfahren wollte. Kaum waren wir auf dem Boot, zog es zu und es wurde bitter kalt auf der Überfahrt, sibirische Temperaturen sozusagen. Aber netterweise kam die Sonne wieder raus, kaum daß wir um das Kap herumfuhren und das blieb so. Da es bei dem Kap keinen Anleger gab, fuhr der Kapitän sein Boot einfach am Ufer auf Grund, klappte die Leiter aus und wir gingen von Bord. 

In einem der zahlreichen Tunnel

Schnell die Uferböschung hoch, dann der Abstieg zur Bahntrasse. Es ist schon irgendwie ein komisches Gefühl, auf einer Bahnstrecke zu laufen, die noch in Betrieb ist, wenn auch wenig befahren. Wir wußten ja nicht, wie langsam oder schnell die Züge dort fahren würden. Ach so, auf Bahngleisen zu laufen ist nicht wirklich so praktisch wie wir dachten. Die Schwellen sind nämlich in Abständen gelegt, die mit unseren Schrittlängen nicht richtig zusammenpassen, dazwischen und daneben liegt grober Schotter. Also läuft man öfters mal in einer Art Hopserlauf. Aber es war okay, die Reisegruppen Badabinsk marschierte zu siebt am wunderschönen Seeufer entlang. Was wir auch nicht auf dem Schirm hatten, waren die vielen Tunnel auf der Strecke. DAS ist dann wirklich komisch zu laufen! Die kleinen Tunnel sind kein Problem, aber es gab auch ein paar mit 500 oder 700m Länge. Da durchzulaufen mit allenfalls einem Handydisplay als Taschenlampe war spannend!

Aufregend war dann auch, als uns kurz vor einem Tunnel ein kleiner dieselgetriebener Schienenbus entgegenkam. Wenn wir schon im Tunnel gewesen wären, wäre das sicher „hektisch“ geworden. Und es kam noch besser! Ca. eine Stunde später hörten wir auf einmal ein lautes Stampfen hinter uns und um die Kurve kam eine riesige Dampflok mit Waggons angefahren. Das war offenbar der Touri-Zug für Bahnbegeisterte. Der Zug fuhr zwar nicht schnell und pfiff laut, als wir in Sichtweite kamen, aber es ist schon ziemlich respekteinflößend, wenn so ein stählernes Ungetüm in 2m Entfernung an einem vorbeifährt. 

Als wir uns Port Baikal näherten, dem kleinen Örtchen an der Angaramündung, hörten wir schon von weitem, daß sich die Dampflok wieder auf den Rückweg machte. Die Strecke war komplett einsehbar, so daß wir uns in Ruhe in Sicherheit bringen und photobereit machen konnten. Helmut, der als pensionierter Bahner natürlich besonders interessiert war, verfiel kurz in Aufregung, weil just in diesem Moment der Akku seiner Kamera schlappmachte. Wir haben ihm aber versichert, daß wir genügend Photos für ihn mitmachen würden.

Nach knapp 20km auf der Bahnstrecke erreichten wir Port Baikal, das ganz offensichtlich schon bessere Zeiten gesehen hatte. Am Hafen lagen ein paar dekorative Schiffswracks im Wasser, die meisten Häuser waren verlassen, verfallen oder gar ausgebrannt. Aber das Ganze war spannend anzusehen, auch kleine Details fielen ins Auge. So fanden wir auf den letzten Schienen im Ort die Prägung „Sparrows Point 1945“, die Schienen war offenbar Teil der amerikanischen Unterstützung für die Sowjetunion im 2. Weltkrieg und hatten einen sehr weiten Weg zurückgelegt. Die Wartezeit bis zur Fährabfahrt versüßten wir uns mit einem wohlverdienten „Bavaria“-Bier aus dem Späti/Produkty und sahen der lustigen Rentner-Truppe zu, die mitsamt Akkordeon auf Ausflug war.

Schaschlik Deluxe!

Nach einer kurzen Taxifahrt nach Listvjanka rein luden wir unsere Sachen bei der Lodge ab und gingen dann nochmal flanieren am Seeufer. An diesem Tag war es anscheinend überdurchschnittlich warm, denn auf dem schmalen Kiesstrand lagen zahlreiche Russen auf ihren Handtüchern oder sprangen sogar ins frische Wasser. Wir hatten die Sonne auf jeden Fall auch unterschätzt, alle hatten sich heute einen Sonnenbrand im Gesicht geholt. Sonnenbrand in Sibirien, im September! Abends wollten Juliane und ich schön essen gehen, was aber nicht ganz einfach war. Ein Restaurant war geschlossen, das nächste von einer Hochzeitsgesellschaft belegt, das nächste war ein griechisches Restaurant und nein, dafür war wir nicht 5200km Bahn gefahren und 20km gewandert. Glücklicherweise fiel uns ein, daß das nette Café vom Vortag hinten auch ein Restaurant hatte, das wollten wir ausprobieren. Und der Laden erwies sich als Glückstreffer (wie auch die Jungs von kurzstreckenticket.de unabhängig von uns festgestellt hatten, wie ich später las). Ein urig eingerichteter Laden mit Grill und allerlei Kuriositäten, zum einen gab es Steingutkrüge mit Auerhahnaufdruck, Sets aus Lederkamen, zum anderen kamen dauernd Russen rein, die sich Bier zum Mitnehmen in riesige Marmeladengläser mit Schraubverschluß abfüllen ließen. Das Essen selbst entpuppte sich dann auch wieder als Schaschlik, zunächst gab´s lange Gesichter. Aber DAS Schaschlick war schlicht ein Gedicht, der Gag war ein leeres Wodkaglas mit einem Bund frischem Rosmarin, Thymian und anderen Kräutern, die man sich dann aufs gegrillte Fleisch oder auf die ebenfalls gut gemachte Ofenkartoffel legte. Zum Schaschlik gehört auch ein volles Glas Vodka, da kennt der Russe keine Gnade, das kommt unbestellt mit. Kurzum: Ein großartiges Essen (vielleicht lag unsere Begeisterung aber auch nur an der anstrengenden Wanderung davor).

Am nächsten Morgen fuhren wir mit den Franken mit dem Skilift rauf auf den Hügel hinter Listvjanka, um nochmal einen anderen Blick auf den Baikal werfen zu können. Außerdem mußten wir Zeit totschlagen, weil unser Zug erst am nächsten Morgen in Irkutsk losfahren sollte und wir nicht den ganzen Tag in der Stadt rumhängen wollten. Mittags hieß es dann Abschied nehmen von der Reisegruppe Badabinsk, Miguel und Daniele waren schon am Morgen zurück nach Listvjanka. Eine klasse Truppe war das, glücklicherweise habe ich zu fast allen noch Kontakt, über Facebook, in Berlin, in München, bei FC Bayern-Spielen oder auf dem Oktoberfest. 

HIER geht´s weiter in den Fernen Osten Sibiriens, nach Khabarovsk

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